Die Digitalisierung im Banking konzentriert sich oft auf die Kundenschnittstelle und das Back-Office. Doch auch der Einkauf (Procurement) bietet enorme Potenziale zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung. E-Procurement Systeme digitalisieren den gesamten Beschaffungsprozess – von der Bedarfsanforderung über die Bestellung bis zur Rechnungsabwicklung. Im Jahr 2026 sind diese Systeme für Banken unverzichtbar, um die Transparenz zu erhöhen, die Compliance zu sichern und die Kosten für indirekte Güter und Dienstleistungen signifikant zu senken.

Die Herausforderung: Intransparenz und Maverick Buying

Traditionelle Beschaffungsprozesse in Banken sind oft durch manuelle Schritte, Papierformulare und mangelnde Transparenz gekennzeichnet. Dies führt zu:

  • Maverick Buying: Mitarbeiter kaufen außerhalb der vereinbarten Rahmenverträge ein, was zu höheren Preisen führt.
  • Hohe Prozesskosten: Die Bearbeitung einer Bestellung ist durch manuelle Freigaben und die Rechnungsprüfung teuer.
  • Mangelnde Compliance: Die Einhaltung von internen Einkaufsrichtlinien und regulatorischen Vorgaben ist schwer nachvollziehbar.

Die Vorteile von E-Procurement Systemen

1. Kostensenkung und Effizienz

E-Procurement automatisiert den gesamten Purchase-to-Pay-Prozess. Dies reduziert die Prozesskosten pro Bestellung drastisch. Durch die Bündelung des Einkaufsvolumens und die Einhaltung von Rahmenverträgen werden auch die Einkaufspreise gesenkt.

2. Compliance und Auditierbarkeit

Im Finanzsektor ist die Einhaltung von Richtlinien (z.B. im Bereich IT-Sicherheit oder ESG-Kriterien) beim Einkauf kritisch. Das E-Procurement System erzwingt die Einhaltung der internen Richtlinien und sorgt für eine lückenlose Dokumentation aller Beschaffungsvorgänge. Dies ist essenziell für interne und externe Audits.

3. Transparenz und Strategischer Einkauf

Die Systeme liefern Echtzeit-Daten über Ausgaben, Lieferantenleistung und Compliance. Dies ermöglicht dem strategischen Einkauf, bessere Entscheidungen zu treffen, Risiken in der Lieferkette zu identifizieren und die Verhandlungen mit Lieferanten zu optimieren.

Auswahlkriterien für Banken

Banken sollten bei der Auswahl eines E-Procurement Systems folgende Kriterien beachten:

  1. Integration: Nahtlose Anbindung an das ERP-System (z.B. SAP), das Finanzbuchhaltungssystem und das Dokumentenmanagementsystem (DMS).
  2. Sicherheit und Hosting: Einhaltung der strengen Sicherheitsstandards und idealerweise Hosting in der EU.
  3. Katalog-Management: Einfache Verwaltung von internen und externen Produktkatalogen.
  4. Workflow-Engine: Flexible Abbildung komplexer Freigabeprozesse (z.B. Vier-Augen-Prinzip).

Fazit: Digitalisierung des Einkaufs als strategischer Hebel

E-Procurement Systeme sind ein wichtiger, oft unterschätzter Baustein der digitalen Transformation im Banking. Sie tragen direkt zur Kostensenkung bei, erhöhen die Compliance und ermöglichen dem Einkauf, von einer administrativen zu einer strategischen Funktion aufzusteigen.


Der digitale Beschaffungsprozess im Banking

Schritt Traditionell (Manuell) E-Procurement (Digital)
Bedarfsanforderung Papierformular, E-Mail Elektronische Anforderung im System
Freigabe Manuelle Unterschriften, Laufzettel Automatisierter Workflow, mobile Freigabe
Bestellung Fax, E-Mail an Lieferanten Elektronische Übermittlung (EDI, Punchout)
Rechnungsprüfung Manueller Abgleich von Rechnung, Bestellung, Wareneingang Automatisierter 3-Wege-Abgleich, Dunkelbuchung
Jens

Dr. Jens Bölscher ist studierter Betriebswirt mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik. Er promovierte im Jahr 2000 zum Thema Electronic Commerce in der Versicherungswirtschaft und hat zahlreiche Bücher und Fachbeiträge veröffentlicht. Er war langjährig in verschiedenen Positionen tätig, zuletzt 14 Jahre als Geschäftsführer. Seine besonderen Interessen sind Innovationen im IT Bereich.