Das Backoffice von Banken ist traditionell ein Bereich, der von komplexen, repetitiven und oft manuellen Prozessen geprägt ist. Insbesondere die Kreditprüfung erfordert die Analyse großer Mengen an Daten, die Einhaltung strenger Vorschriften und eine sorgfältige Risikobewertung. Im Jahr 2026 revolutioniert die Agentic AI diesen Bereich, indem sie KI-Agenten ermöglicht, die Kreditprüfung autonom abzuwickeln. Diese intelligenten Systeme können selbstständig Informationen sammeln, analysieren, Entscheidungen treffen und sogar mit anderen Systemen interagieren, wodurch Effizienz, Genauigkeit und Geschwindigkeit der Kreditvergabe auf ein neues Niveau gehoben werden.

Was ist Agentic AI? Eine kurze Einführung

Agentic AI (auch als KI-Agenten oder autonome KI bekannt) bezeichnet KI-Systeme, die in der Lage sind, Ziele zu definieren, Pläne zu erstellen, diese Pläne auszuführen und ihre Ergebnisse selbstständig zu bewerten und anzupassen. Im Gegensatz zu herkömmlichen KI-Anwendungen, die oft spezifische Aufgaben ausführen, agieren KI-Agenten proaktiv und können ganze Prozesse oder sogar Geschäftsfunktionen autonom steuern [1].

Schlüsselfähigkeiten von KI-Agenten:

  • Autonome Entscheidungsfindung: Treffen von Entscheidungen basierend auf Daten und vordefinierten Regeln, ohne menschliches Eingreifen.
  • Lernfähigkeit: Kontinuierliche Verbesserung der Performance durch maschinelles Lernen aus neuen Daten und Erfahrungen.
  • Interaktion: Kommunikation mit anderen Systemen, Datenbanken und sogar Menschen.
  • Planung und Ausführung: Entwicklung und Umsetzung von Aktionsplänen zur Erreichung komplexer Ziele.
  • Selbstkorrektur: Anpassung des Verhaltens und der Strategie bei unerwarteten Ergebnissen oder Fehlern.

Diese Fähigkeiten machen KI-Agenten zu idealen Kandidaten für die Automatisierung komplexer Backoffice-Prozesse in Banken, insbesondere der Kreditprüfung.

Die autonome Kreditprüfung durch KI-Agenten

Die Kreditprüfung ist ein kritischer Prozess für Banken, der traditionell zeitaufwändig und ressourcenintensiv ist. Sie umfasst die Sammlung und Analyse von Finanzdaten, Bonitätsprüfungen, Risikobewertungen und die Einhaltung regulatorischer Vorgaben. KI-Agenten können diesen Prozess von Anfang bis Ende autonom abwickeln [2].

Schritte der autonomen Kreditprüfung durch KI-Agenten:

  1. Datensammlung und -anreicherung:
    • KI-Agenten sammeln automatisch relevante Daten aus internen Systemen (Kundenhistorie, Kontobewegungen) und externen Quellen (Kreditbüros, öffentliche Register, soziale Medien, Branchenberichte).
    • Sie nutzen Natural Language Processing (NLP), um unstrukturierte Daten aus Dokumenten wie Jahresabschlüssen, Businessplänen oder Gehaltsnachweisen zu extrahieren und zu strukturieren.
    • Generative AI kann fehlende Datenpunkte ergänzen oder plausible Szenarien für die Risikobewertung generieren [3].
  2. Bonitäts- und Risikobewertung:
    • Machine Learning-Modelle analysieren die gesammelten Daten, um die Kreditwürdigkeit des Antragstellers zu bewerten und potenzielle Ausfallrisiken zu identifizieren.
    • Sie können komplexe Muster erkennen, die für menschliche Analysten schwer zu identifizieren wären, und prädiktive Analysen durchführen, um die Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls zu prognostizieren.
    • Agenten können auch dynamisch externe Marktindikatoren oder branchenspezifische Daten in die Bewertung einbeziehen.
  3. Compliance-Check und Betrugserkennung:
    • KI-Agenten überprüfen den Kreditantrag automatisch auf Einhaltung aller relevanten regulatorischen Vorschriften (z.B. Geldwäschebekämpfung, Verbraucherschutz) und interner Richtlinien.
    • Sie identifizieren verdächtige Muster, die auf Betrug hindeuten könnten, und leiten bei Bedarf Warnmeldungen an menschliche Analysten weiter.
  4. Entscheidungsfindung und Konditionierung:
    • Basierend auf den Analysen und Bewertungen treffen die KI-Agenten eine autonome Entscheidung über die Kreditvergabe (Genehmigung, Ablehnung, weitere Prüfung).
    • Sie können auch personalisierte Kreditkonditionen (Zinssatz, Laufzeit) vorschlagen, die optimal auf das Risikoprofil des Antragstellers zugeschnitten sind.
  5. Kommunikation und Dokumentation:
    • KI-Agenten können automatisch die Kommunikation mit dem Antragsteller übernehmen (z.B. Status-Updates, Anforderung zusätzlicher Unterlagen).
    • Sie erstellen eine vollständige und revisionssichere Dokumentation des gesamten Prüfungsprozesses, was für Compliance-Zwecke unerlässlich ist.

Vorteile der Agentic AI in der Kreditprüfung

Der Einsatz von KI-Agenten in der Kreditprüfung bietet Banken eine Vielzahl von Vorteilen:

Vorteil Beschreibung
Erhöhte Effizienz Drastische Reduzierung der Bearbeitungszeiten von Kreditanträgen, von Tagen auf Minuten oder sogar Sekunden.
Kostensenkung Automatisierung repetitiver Aufgaben reduziert den Personalaufwand und die operativen Kosten.
Verbesserte Genauigkeit KI-Modelle können mehr Datenpunkte analysieren und komplexere Muster erkennen als menschliche Analysten, was zu präziseren Risikobewertungen führt.
Konsistenz Objektive und konsistente Entscheidungen, frei von menschlichen Vorurteilen (Bias), sofern die Trainingsdaten fair sind.
Skalierbarkeit Die Fähigkeit, ein hohes Volumen an Kreditanträgen zu verarbeiten, ohne die Qualität zu beeinträchtigen.
Compliance-Stärkung Automatisierte Überprüfung der Einhaltung regulatorischer Vorschriften und lückenlose Dokumentation.
Bessere Kundenerfahrung Schnellere Kreditentscheidungen und personalisierte Angebote verbessern die Kundenzufriedenheit.

Herausforderungen und Best Practices

Trotz der enormen Potenziale birgt die Implementierung von Agentic AI in der Kreditprüfung auch Herausforderungen:

  • Datenqualität und -verfügbarkeit: KI-Modelle sind stark von der Qualität und Vollständigkeit der Trainingsdaten abhängig.
  • Regulatorische Compliance: Die Einhaltung von Vorschriften wie DORA und dem EU AI Act erfordert Transparenz, Erklärbarkeit (Explainable AI) und menschliche Aufsicht bei KI-Entscheidungen [4].
  • Ethische Bedenken: Vermeidung von Bias und Diskriminierung in den Algorithmen ist entscheidend.
  • Integration in Legacy-Systeme: Die Anbindung von KI-Agenten an bestehende, oft veraltete Bankensysteme kann komplex sein.
  • Talent und Change Management: Mitarbeiter müssen für die Zusammenarbeit mit KI-Agenten geschult und auf neue Rollen vorbereitet werden.

Best Practices für die Implementierung:

  1. Ganzheitliche Strategie: Entwicklung einer klaren Vision für den Einsatz von Agentic AI in der Kreditprüfung, die Technologie, Prozesse und Menschen umfasst.
  2. Daten-Governance: Aufbau einer robusten Daten-Governance, um die Qualität, Sicherheit und Verfügbarkeit der Daten zu gewährleisten.
  3. Explainable AI (XAI): Implementierung von XAI-Techniken, um die Entscheidungen der KI-Agenten nachvollziehbar und transparent zu machen, insbesondere für regulatorische Zwecke.
  4. Human-in-the-Loop: Beibehaltung menschlicher Aufsicht und Interventionsmöglichkeiten, insbesondere bei komplexen oder risikoreichen Fällen.
  5. Regelmäßige Tests und Audits: Kontinuierliche Überprüfung der Performance und Compliance der KI-Agenten.
  6. Schulung und Weiterbildung: Investition in die Schulung der Mitarbeiter, um sie zu befähigen, mit KI-Agenten zusammenzuarbeiten und deren Ergebnisse zu interpretieren.

Fazit: Die Zukunft der Kreditprüfung ist autonom

Die Agentic AI transformiert das Backoffice von Banken grundlegend, insbesondere im Bereich der Kreditprüfung. Durch die autonome Abwicklung von Prozessen können Banken nicht nur erhebliche Effizienz- und Kostenvorteile erzielen, sondern auch die Genauigkeit ihrer Risikobewertungen verbessern und eine konsistentere Entscheidungsfindung gewährleisten. Im Jahr 2026 ist der Einsatz von KI-Agenten kein Wettbewerbsvorteil mehr, sondern eine Notwendigkeit, um im dynamischen Finanzmarkt zu bestehen.

Banken, die diese Technologie strategisch implementieren und dabei die Herausforderungen in Bezug auf Datenqualität, Regulatorik und Ethik meistern, werden nicht nur ihre operativen Prozesse optimieren, sondern auch eine neue Ära der Kreditvergabe einläuten, die schneller, präziser und kundenorientierter ist als je zuvor.

Jens

Dr. Jens Bölscher ist studierter Betriebswirt mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik. Er promovierte im Jahr 2000 zum Thema Electronic Commerce in der Versicherungswirtschaft und hat zahlreiche Bücher und Fachbeiträge veröffentlicht. Er war langjährig in verschiedenen Positionen tätig, zuletzt 14 Jahre als Geschäftsführer. Seine besonderen Interessen sind Innovationen im IT Bereich.